Sehnsucht – tantrisch gesehen

Die Sehnsucht als Geschenk…

Sehnsucht – tantrisch gesehen. Sehnsucht als Geschenk. Was bedeutet das? Lust und Liebe sind Themen die unsere tiefsten Sehnsüchte berühren. Sehnsucht empfinden manche Menschen als eine Qual. Sie empfinden sie als so schmerzhaft das sie sich lieber mit allen möglichen Dingen ablenken oder die Sehnsucht auf aggressive oder zynische Weise abwehren.

Die auf Umsatzsteigerung ausgerichtete Marktwirtschaft kommt dem entgegen, indem sie versucht unsere Sehnsüchte auf käufliche Ziele umzulenken. Mit verlockend und sexy dargeboten, konsumierbaren Angeboten werden die Sehnsüchte scheinbar gestillt. Andere versuchen, diese Themen zu versachlichen um sie besser handhaben zu können.

Auch dies ist eine Möglichkeit wie wir unsere Wünsche, Begierden und Sehnsüchte entschärfen können. Wir analysieren sie so lange mit sogenannten wissenschaftlichen Methoden, bis alles lebendige daran in überschaubare Kategorien verpackt werden kann.

Was macht die Sehnsucht zu einer so großen Qual das wir ihr zu entkommen versuchen?

Sollen wir ein Sehnen aushalten das vielleicht nie in Erfüllung gehen wird? Werden wir nie zu Ruhe kommen, oder werden irgendwann alle unsere Sehnsüchte erfüllt wenn wir nur lange genug daran gearbeitet haben? Wie gehen wir damit um, dass sich alles ständig verändert und das auch größtes Glück nie von Dauer ist?

Wenn wir uns nicht durch Resignation oder durch Gefühllosigkeit, Rationalität oder Zynismus davor verschlossen haben, spüren wir die Sehnsucht in uns wie ein brennendes Feuer, wie ein perlendes Kribbeln, oder wie ein ziehendes dehnen. Es kann schmerzhaft sein, oder unendlich süß, oder beides. Aber wonach sehnen wir uns wirklich? Welches sind die Objekte unserer Sehnsucht?

Unsere Kultur gibt darauf viele Antworten, von denen keine auf Dauer wirklich befriedigt. Der Urlaub am Palmenstrand, die Hochzeit im Märchenschloss, die rasante Fahrt im Traumauto, Komfort ohne Ende im Schöner- wohnen- Eigenheim. Die meisten dieser Antworten suggerieren die Käuflichkeit unserer Sehnsüchte.

Was hat Tantra dazu anzubieten? Sehnsucht als Geschenk?

Wenn uns der Konsum noch nicht ganz erstickt hat, fühlen wir vielleicht noch unmittelbarer wonach wir uns wirklich sehnen. Manche sehnen sich nach der großen Liebe, andere nach hemmungslosen, ekstatischen Sex, wieder andere nach der Wahrheit, nach Reichtum, Sicherheit und Glück. Allen Sehnsüchten gemeinsam ist die Tatsache das wir das Objekt unserer Begierde nicht besitzen. Es liegt mehr oder weniger weit weg, es ist nicht frei verfügbar und lässt uns glauben, wir wären alle Sorgen los, wenn doch nur dies oder jenes eintreffen würde. Wenn ich einen Partner hätte der mich lieben würde, wenn mein Partner mich bloß nicht immer so einengen würde, usw. Die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Wir träumen von dem was wir nicht haben und werden schnell leid was uns tagtäglich zur Verfügung steht.

Manche spirituellen Schulen lehren das alle weltlichen Wünsche überwunden werden müssen wenn man wunschlos glücklich sein will. Ihre Schüler gehen den Weg der Loslösung von aller Identifikation mit der irdischen Existenz. Die spirituelle Lehre des Tantra geht einen anderen Weg, der mir persönlich weitaus mehr zusagt. Anstatt zu versuchen sich von allem weltlichen zu lösen würde ein Tantriker eher sagen, ich bin mit allem verbunden, nichts ist getrennt von mir. Ich bin bereit die ganze Existenz als meinen Spiegel zu betrachten. Ich lerne mich in allen Erscheinungsformen des Lebens selbst zu entdecken und darin entdecke ich mich als mit allem eins. Der Tantriker versucht nicht sich von all seinen Wünschen , Sehnsüchten und Begierden zu lösen, sondern überlässt sich ihnen voll und ganz. Jedoch nicht blind, sondern im Bewusstsein all seiner Gedanken, Empfindungen und Gefühle. Auch dies ist ein spiritueller Weg, aber er führt nicht aus der Welt hinaus, sondern mitten in die Welt hinein und durch sie hindurch.

Auf diesem Weg können wir unsere Sehnsucht voll und ganz auskosten. Wir erleben wie sie manchmal erfüllt wird und manchmal auch nicht. Aber anstatt daran zu verzweifeln können wir dieses Dilemma als Teil unseres Mensch-seins annehmen lernen.

Was die Sehnsucht unerträglich macht ist nicht ihre eigene Intensität, es ist der Glaube das wir unser Glück nur durch ihre Erfüllung erreichen können. Wir sind völlig auf das Objekt fixiert und vergessen darüber uns selbst zu spüren, zu atmen und lebendig zu sein. Unsere Kultur gaukelt uns auf extreme Weise vor, das wir immer alles haben müssen. Dieser Glaube kann regelrecht zum Konsumterror werden. Konsum ist längst kein Genuss mehr, sondern nur noch eine Zwangshandlung. Wenn wir die Vorstellung loslassen, das Sehnsüchte entweder erfüllt werden müssen oder wir sie uns abschminken sollten, geschieht etwas wunderbares. Wir fangen an die Aufmerksamkeit auf die Sehnsucht selbst anstatt nur auf ihre vermeintlichen Ziele und Objekte zu richten. Ich spüre wie mir das Wasser im Mund zusammenläuft, anstatt nur auf den köstlich gedeckten Tisch zu schielen. Ich spüre wie meine erotische Energie anfängt zu zu brodeln, anstatt nur darüber nachzudenken wie ich diesen Mann oder diese Frau in mein Bett kriege. Ich spüre die Intensität meiner Einsamkeit und meines Wunsches nach tiefer Verbindung, anstatt mir nur Sorgen darüber zu machen, wann, wo und wie ich jemand kennen lernen könnte.

Sie Sehnsucht ist kostbar wenn wir sie in Besitz nehmen und uns sozusagen diesseits der Fingerspitzen spüren und erforschen. In unseren Händen und Armen, in der Brust, im Becken, im ganzen Körper , in unserem Sein. Anstatt außerhalb von uns nach der Erlösung zu trachten. Wenn wir die Sehnsucht auf diese Weise näher kennen lernen entdecken wir wohin sie uns wirklich treibt. Sie ist eine Art spiritueller Stachel der uns immer wieder motiviert uns dem Leben hinzugeben, unser Lied in die Welt zu tragen, unseren Tanz zu tanzen. Wir haben unendlich viele Möglichkeiten uns selbst in dieser Welt zu erfahren.Wir sind viel mehr als wir haben. Unser materieller und auch immaterieller Besitz sind nichts weiter als das Spiel des Lebens. Wie gewonnen so zerronnen. Unsere Sehnsucht weist uns über unsere Identität hinaus, sie richtet sich in ihrem Kern nicht darauf aus das wir mehr besitzen. Sie zeigt uns, dass wir bereits mehr sind als wir glauben und mehr als wir jemals haben könnten. In unserem tiefsten Inneren sind wir bereits mit allem verbunden, warum sollten wir dann alles besitzen wollen? Je mehr wie die Sehnsucht annehmen können desto mehr öffnet sie uns für immer tiefere Schichten in uns selbst. Lebendig sein heißt sich zu sehnen und sich mit der eigenen Sehnsucht zu verschenken.

Es ist nicht leicht die Fixierung auf die Objekte unserer Sehnsucht mehr und mehr loszulassen und stattdessen selbst für uns da zu sein, aber es ist wesentlich für die Kunst des Seins. Die Fähigkeit in einem brennenden Wunsch oder in einer intensiven Sehnsucht inne zu halten und die Aufmerksamkeit auf die Sehnsucht selbst zu lenken statt auf ihr Ziel gibt uns die Möglichkeit tief in unser Sein hinein zu entspannen. ohne uns von der kraftvollen Dynamik unserer Sehnsucht abzuschneiden. Das Erlernen dieser Fähigkeit braucht Zeit und wächst mit unserer Bereitschaft uns selbst zu lieben , unsere Gefühle und Wünsche zu spüren und anzunehmen und die Menschen denen wir begegnen als Spiegel zu betrachten.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.